Englisch aus dem Schulbuch pauken? Es geht auch leichter…

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Die meisten von euch sprechen wahrscheinlich zwei bis drei Sprachen – Deutsch, Englisch, und vielleicht noch Französisch. Die eine Sprache habt ihr ganz von selbst gelernt, ohne Vokabelhefte und Grammatikbücher, bei den anderen war es nicht so einfach. Trotzdem sprecht ihr die erste fließend, bei den anderen hapert es noch ein bisschen.

Oft wird behauptet, dass nur Kleinkinder eine Sprache wie von selbst lernen können, nur durch Zuhören und eigene Sprechversuche, aber Erwachsene kriegen das nicht mehr so leicht hin. Doch wie ganz oft, wenn ich einen Satz mit „Oft wird behauptet“ beginne, folgt eine in meinen Augen unsinnige Aussage. Ich finde, dass jeder eine Sprache auf dieselbe Art und Weise lernen kann, mit der er auch Deutsch gelernt hat.

Klar, Kleinkinder tun sich dabei vielleicht etwas leichter, sie sind aufnahmefähiger – oder sind sie es wirklich? Immerhin dauert es auch bei Kleinkindern ein paar Jahre, bis sie eine Sprache fließend beherrschen.

Ich selbst habe bei Englisch die Grundlagen in der Schule gelernt, doch um wirklich gut darin zu werden, mussten die Lehrbücher ins Altpapier und richtige Lektüre musste her.

Als ich die Schule zum ersten mal verließ, fuhren wir ein halbes Jahr lang durch Europa. Während dieser Zeit sprach, las, und schrieb ich sehr viel in Englisch – ich nutze die Sprache. Ich war nicht sonderlich gut, am Anfang fehlten mir viele Wörter und grammatikalisch war noch einiges ruckelig. Nach ein paar Monaten war ich aber schon sicherer unterwegs, und als ich in die Schule zurückkehrte stand ich nicht mehr auf einer Vier, sondern schrieb nur noch Einsen.

Auf der Insel Litløy arbeite ich zusammen mit Leuten aus vielen verschiedenen Ländern. Gesprochen wird natürlich Englisch.

Jetzt wirst du dir wahrscheinlich denken „Schön für dich, Esra. Du kannst ja auch überall herum reisen. Aber ich sitze zuhause und kann nicht nach England fahren“. Und ja, das Reisen hat sicherlich geholfen. Doch die vielen Gespräche allein waren es nicht, die meine Englischkenntnisse verfeinerten. Ich lernte auch sehr viel zuhause. Sobald ich genug von der Sprache verstand, begann ich, Bücher zu lesen. Außerdem schauten wir viele Filme und Serien in Englisch, da wir sie in der Originalsprache besser finden.

Es ist einfach Tatsache: Wenn man viel von einer Sprache „beschallt“ wird, dann verbessern sich die Sprachkenntnisse. Es ist wirklich so einfach. Man hört die richtige Verwendung der Grammatik immer und immer wieder, und nach einer Weile hört man seine eigenen Fehler, da sie falsch klingen. In Filmen hört man die gesprochene Sprache und bekommt eine Gefühl für den „Fluss“. Und wenn man ein unbekanntes Wort ein paar Mal gehört hat, dann erschließt sich die Bedeutung in den allermeisten Fällen aus dem Zusammenhang. Wenn nicht gibt es immer noch das Wörterbuch.

Klar ist die eigene Anwendung auch wichtig. Ja, wer seine Aussprache verbessern will, der sollte wohl ins Ausland fahren. Doch wer das Internet benutzt kann immerhin das Schriftliche nach Belieben üben. Ich schrieb hin und wieder in Internetforen über meine Interessen (Modellbau, Radfahren, Musik, etc). Das war auch nichts anderes als die etlichen kleinen Texte, die man im Englischunterricht der Oberstufe schreibt – die Englischlehrerin an der Schule, wo ich meine Abiprüfungen ablegte, sagte mir, mein Schreibstil sei erstklassig. Ich bekam eine Eins.

Meine Geschwister haben die Sprache auf die gleiche Art und Weise gelernt. Meine Schwester hatte keinen Englischunterricht in der Schule, sie lernte die gesamte Sprache von selbst. Es fing einfach damit an, dass wir viele Filme und Serien schauten. Am Anfang mussten wir die Filme noch oft anhalten, um ihr zu erklären, was los ist. Doch das brauchte sie bald nicht mehr.

Am Besten, man beginnt mit Filmen, die man kennt. Auf diese Weise gibt es keine Verständnisprobleme, denn man weiß ja, was gesagt wird. Doch aufpassen mit deutschen Untertiteln – es ist sehr schwer, gleichzeitig Deutsch zu lesen und Englisch zu lernen. Untertitel müssen in Englisch sein.

Was Bücher angeht, fang vielleicht nicht gleich mit Shakespeare oder „War and Peace“ an. Je nachdem wie sicher du in der Sprache bist, eignet sich eher ein Jugendroman, ein ganz normaler Roman, oder ein Buch, das du schon kennst. Wenn du sie in die Finger kriegen kannst, Magazine sind auch gut.

Du wirst wahrscheinlich sehr oft innehalten müssen, weil du ein Wort oder eine Redensart nicht kennst. Wenn du es dir aus dem Zusammenhang erschließen kannst, prima. Wenn es sich nur um ein Adjektiv handelt, mit dem ein Gebüsch oder ein Teegeschirr beschrieben wird, ist es wohl nicht so wichtig. Wenn es ein Schlüsselwort in der Handlung ist, solltest du vielleicht das Wörterbuch aus dem Regal holen (und es danach neben dir liegen lassen).

Also, wenn du einen Abschluss planst, gute Noten in Englisch haben willst, aber Vokalhefte hasst wie die Pest, dann schau doch das nächste Mal deinen Lieblingsfilm auf Englisch. Kauf dir mal ein Buch in Englisch, es ist sowieso billiger im Original. Nutz die englische Wikipedia, sie ist außerdem ausführlicher. Die ersten paar Mal wird dein Verständnis noch etwas eingeschränkt sein, aber irgendwann merkst du den Unterschied vielleicht gar nicht mehr.

Hier sind ein paar Bücher, die mir sehr gefallen haben:

The Adventures of Huckleberry Finn von Mark Twain (Abenteuerroman. Ein kleiner Junge und sein Freund, ein geflohener Sklaven, hauen zusammen ab und befahren den Mississippi mit einem Floss. Teilweise schwer verständlicher Südstaatendialekt.)

The Hunger Games Trilogy von Suzanne Collins (Jugendbuchreihe. Sci-Fi/Abenteuer über eine dystopische Zukunft, wo Kinder aus der unteren Gesellschaftsklasse in Gladiatorenkämpfen für die Reichen antreten müssen. Ohne unverständliche Sprache geschrieben.)

The Importance of Being Earnest von Oscar Wilde (Theaterstück, relativ kurz. Lustige Verwechslungskomödie. Ein Gentleman gibt sich als ein anderer aus, um unerkannt Spaß zu haben, und ein Mädchen verliebt sich in sein alter Ego.)

Replay von Ken Grimwood (Sci-Fi Roman. Ein Mann stirbt, findet sich jedoch in seinem 20-jährigen Körper in der Vergangenheit wieder und kann sein Leben nochmal leben. Er stirbt erneuert und ist wieder 20 Jahre alt. Und wieder, und wieder… nicht zu kompliziert geschrieben)

Longitude von Dava Sobel (Unterhaltsames Sachbuch über die Erfindung der tragbaren Uhr, die für die Navigation unerlässlich ist. Erstklassig geschrieben und sehr zu empfehlen)

The Name of the Wind: The Kingkiller Chronicle 1 von Patrick Rothfuss (Fantasy. Ein Märchen für Erwachsene. Handelt vom Leben eines hochintelligenten, vielseitig begabten Zigeuners, der die Magie für sich entdeckt. Absolut genialer Schreibstil, aber ziemlich dicker Schinken)

The Girl with the Dragon Tattoo (Thriller. Ein Journalist und eine hochintelligente Hackerin decken zusammen schreckliche Verbrechen auf. So spannend, dass man die knapp tausend Seiten in wenigen Tagen lesen kann. Wobei es original in Schwedisch ist, nicht in Englisch)

The Road von Cormac McCarthy (Endzeit-Roman. Ein Mann und sein kleiner Sohn sind einige der letzten Überlebenden der atomaren Apokalypse. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit versuchen sie, zu überlegen. Relativ einfach geschrieben, doch Vorsicht: es ist harte Kost – sehr traurig)

Schreibt gerne eure eigenen Buchempfehlungen in die Kommentare :)

9 thoughts on “Englisch aus dem Schulbuch pauken? Es geht auch leichter…

  1. Hallo Esra,

    mir hat der Artikel sehr gut gefallen.
    Ich selbst möchte gerne auch auf diese Weise Englisch lernen, also mehr Bücher lesen und Filme schauen in Englisch.
    Mir fällt es etwas schwer, da wir in der Schule immer mit Schulbüchern gearbeitet haben und jetzt hat sich das in meinem Kopf festgesetzt, dass ich das Gefühl habe, dass ich nur Englisch lernen kann, wenn ich Schulbücher habe.
    Die Beispiele, die du in deinem Artikel erwähnt hast zeigen, dass es auch anders geht. Danke!
    Kennst du eig. Filme oder Serien, die sich gut auf Englisch schauen lassen?

    Liebe Grüße,
    Josi

    • Hallo Josi,
      danke für deinen Kommentar!
      Wenn du dich darauf einlässt und regelmäßig Englisch liest und hört, dann merkst du bestimmt bald, dass es funktioniert :)
      Wenn man noch nicht so sicher in der Sprache unterwegs ist, ist es vielleicht eine gute Idee, Filme zu schauen, die man schon kennt. Ansonsten kann ich wirklich die Serie „My Name is Earl“ empfehlen. Da geht es um einen Kleinkriminellen, der Karma für sich entdeckt und nun alles wieder gut machen will, was er in den letzten Jahren ausgefressen hat.
      Oder „Firefly“. Das ist so eine Art Geheimtipp. Es ist eine geniale Mischung aus Science Fiction und Western. Leider wurde die Show nach nur 12 Episoden abgesetzt…
      Eigentlich ist es nicht so wichtig, was du schaust, solange es interessant ist und du etwas verstehst (wenn die Charaktere einen schrecklichen Dialekt drauf haben und du nichts mitbekommst, schau was anderes 😉 )

      Liebe Grüße, Esra

      • Hallo Esra,
        lieben Dank für deine Antwort.
        Ich werde mir mal deine Tipps anschauen.

        Liebe Grüße,
        Josi

  2. Hi esra!

    Ein Kommentar zur Englisch-Praxis:
    Erwähne doch auch die Gastfreundschafts-Netzwerke wie beispielsweise Couchsurfing und Bewelcome! Hauptsprache ist auch Englisch und es bietet jedem fantastische möglichkeiten, Fremdsprachen (auch andere Sprachen) zu praktizieren, wenn Du für mehrere Tage einen Chinesischen/Amerikanischen/Russischen Gast hast. Zusätzlich lernst du dann auch mit verschiedenen Dialekten, Akzenten und Formulierungen umzugehen, die nicht im Lehrbuch zu finden sind…

    Eine der besten Methoden, um als Stubenhocker Englisch zu lernen, ich empfehle sie immer dringend weiter.

    Ansonsten, danke für deinen interessanten blog!
    Herzliche Grüße

    • Ja, das ist auch eine erstklassige Methode, um Englisch zu lernen :) Wie eigentlich jeder Umgang mit anderen Leuten, die die Sprache sprechen.

      Unterwegs habe ich auch ein paar Mal Servas genutzt, das ist so ähnlich wie Couchsurfing. Bisher hab ich nur gute Erfahrungen gemacht!

  3. Hallo Esra,

    ich pflichte Dir bei und habe es selbst so erlebt. Als junger Mensch im Grundschulalter – damals wurde noch nicht Englisch unterrichtet – habe ich bei Autofahrten die immergleichen Folk-Songs von Kassette mitgesungen. Irgendwann meinte eine Freundin meiner Mutter – Lehrerin – erstaunt: „Kann Deine Tochter schon Englisch?“. Nein, konnte ich nicht, ich verstand nicht, worum es ging, aber die nächsten Schritte waren leicht. Mit „Lernen“ oder „Üben“ hatte das nichts zu tun. Seitdem fühle ich mich in dieser Sprache heimisch wie in einer Muttersprache, auch wenn ich mangels Anwendungsnotwendigkeit nicht verhandlungssicher Englisch spreche. Das ist ein schönes Gefühl. Bei einem längeren Auslandsaufenthalt in einem englischsprachigen Land fing ich nach einem Monat an auf Englisch zu träumen.
    Auf dem Gymnasium hatte ich in Englisch die Note „befriedigend“, was mich nie davon abhielt, ellenlange Texte auswendig singen zu können und auch beim Wortschatz war ich weiter.
    Niederländisch habe ich auch durch Hören gelernt – durch Abtippen von 10 Stunden Interview-Material, immer wieder stoppen, wieder hören, etc. Später, in einem Niederländisch-Kurs, fiel mir auf, welch große Rolle Lieder beim Unterrichts-Konzept „Niederländisch als Fremdsprache“ spielen.
    Musik und Reim kombiniert kann ich, anders als Bücher oder Film, immer dabei haben und hervorholen.
    Deine Ausführungen regen mich und meinen Sohn nun an, Französisch auf diese Art und Weise zu lernen. Mein Sohn hat es mehr mit den Filmen. Ich mache mich auf die Suche nach französischen (Volks-)Liedern.

    Schön, dass es Deine Seite gibt!
    Herzliche Grüße
    Zagwa

    • Hallo zagwa, entschuldige die viel zu späte Antwort!

      Ja, das ist schön zu hören, wie andere eine Sprache gelernt haben :) Man möchte die Lieder hören, und weil die nunmal in Englisch sind, lernt man die Sprache eben 😀

      Neuerdings ist auch bei der jüngeren Generation neuerdings zu beobachten, dass online-Computerspiele, bei denen man sich mit anderen Spielern unterhält, eine starke Anregung zum Sprachenlernen sein können. Ein „Lingophober“ Freund meiner Schwester, der eigentlich nie etwas mit einer anderen Sprache am Hut haben wollte, sprach plötzlich ohne Hemmungen Englisch, weil er sich mit seinen Mitspielern verständigen wollte :)

    • »Mit „Lernen“ oder „Üben“ hatte das nichts zu tun.«

      Wirklich nicht? Bezeichnen wir jetzt schon das, was in der Schule passiert als Lernen? »Üben« bedeutet nichts anderes, als etwas zu tun – immer wieder. Wenn Du also immer wieder Texte hörst und abschreibst oder Lieder singst usw., dann übst Du.

      In der Schule wird gepaukt und nicht gelernt.

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